Kulturverein Träff Schötz

Der andere kulturelle Träff-Punkt

20 Jahre Kulturverein Träff Schötz (2004)
Pirmin Bossart
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Hunderte von Leuten gehen hin und lassen sich überraschen. Jede Veranstaltung ist exklusiv. Seit 20 Jahren sorgt Träff Schötz für aussergewöhnliche Kulturveranstaltungen auf der Luzerner Landschaft. Die Gruppierung ist nicht die einzige, die sich aus eigener Initiative in einer Gemeinde kulturell engagiert, aber sie macht es beispielhaft und mit einem eigenständigen Profil.

Es war einmal ein Jubiläum, das nicht nur jubilierte, sondern auch ankickte: 1984, am 800. Geburtstag der Gemeinde Schötz, bringen die beiden Jugendorganisationen Jungwacht und Blauring mit den Luzerner Bands Engine, Mad und Level neue Töne ins Dorf. Das Besucherecho ist gross. Der Gig weckt die Lust auf mehr. Dreizehn Jugendliche haben es definitiv satt, für (Rock-)Konzerte, Kabaretts oder Lesungen ständig in die Stadt fahren zu müssen. Also werden sie selber aktiv.

Die Skepsis
Wenige Wochen nach der Jubiläumsparty gründen Stefania Bollardini, Norbert Bossart, Marcel Graber, Urs Huber, Lis Hunkeler, Kurt Furrer, Hermann Furrer, Guido Iten, Yvonne Lichtsteiner, Kurt Meister, Othmar Setz, Fredi Steinmann und Walter Wechsler die Gruppierung «Träff Schötz». Ihr Ziel: Neue Träff-Punkte, insbesondere für die Jugend, sollen das kulturelle Leben vor Ort vielfältiger machen. Die Skepsis des Gemeinderates und des «St.-Mauritz»-Wirtes sind gross. Befürchtet werden Vandalismus und Drogenkonsum. Der Rat macht seine Zustimmung zum Startanlass von Securitas-Wächtern abhängig, die mit Hunden patrouillieren. Doch das Konzert mit den Berner Mundartrockern Span überzeugt nicht nur die Zuhörer im prallvollen «St.-Mauritz»-Saal, sondern auch die letzten Zweifler in der Behörde. Lange Blues- und Rocknächte werden schnell zum regelmässigen Träff-Punkt der Hinterländer Musikszene.

Züri West & Co.

Ab Ende der Achtzigerjahre gerät die neue Schötzer Träff-Szene auch ins nationale Rampenlicht. An den Konzerten können die neuen Sternchen der Schweizer Musikszene entdeckt werden. So bewegt Züri West (1988) die jugendlichen Enthusiasten: Um die rebellische Combo stilgerecht einzuführen, erhält der Schriftzug der Band auf den 500 Plakaten rote Fünf-Zacken-Sterne, die mit Filzstiften eigenhändig aufgemalt werden. Ob Baby Jail mit ihrem schrillen Pop, die weltoffene Ska- und Punkrockkapelle Jolly & the Flytrap aus den Innerschweizer Ber- gen oder zur Abwechslung auch mal die legendäre Rockband Jane aus Germany: Das Publikum kommt auf den Geschmack, die Reihen werden immer dichter. Auch Städter reisen zu Konzerten aufs Land an.
1992 sendet der amtlich bewilligte Störsender DRS 3 erstmals live aus der Luzerner Landschaft. Die Spiellust des Franzosen-Trios Fly & the Tox ist so überzeugend, dass ab Mitternacht kurzfristig Couleur 3 die Direktübertragung fortführt.
Mit der Veranstaltung von Irish-, Reggae- oder Cuba-Nights spezialisiert sich Träff Schötz ab Mitte der Neunzigerjahre auf Konzert-Abende, die unter einem Motto stehen. Eingeladen werden Bands aus dem In- und Ausland zum ersten Auftritt auf der Luzerner Landschaft. Fun Republic, Glen of Guinness oder Gustav werden von Hunderten von Jugendlichen gefeiert.

Stammgast Keiser
«Wir sind ständig auf der Suche nach Neuem», sagt Träff-Mitglied Edith Bühler-Hunkeler. Wortwörtlich «einmalige Auftritte» von zahlreichen Kunstschaffenden werden zum Markenzeichen. Einen einzigen Dauergast hat der Träff: den Kabarettisten Lorenz Keiser. Hat Keiser ein neues Programm, testet er es vor der grossen Premiere in Zürich gerne vor einem aufmerksamen Publikum wie im kleinen Schötz aus. Kabarettabende mit Franz Hohler, Ursus & Nadeschkin oder Peter Spielbauer gehören zum festen Bestandteil der jährlichen Aktivitäten.
Zu erleben sind auch Schriftsteller. «Nie zuvor sass ich in einer so kleinen Beiz mit so vielen Leuten», hält 1992 Peter Bichsel bei seiner Lesung am «Pinte»-Stammtisch fest. Mit «Live in Danis Bar» oder «Cliché» feiern überregional geförderte Musicals erfolgreiche Premieren im Hinterland. Zweieinhalb Jahre arbeitet der Grosswanger René Albisser bis zur Schötzer Uraufführung seines visuell-akustischen Theaters «Max».
Zwei Träff-Kunstausstellungen sorgen für Aufsehen, Gesprächsstoff und sogar Leserbriefe: «Brücken schlagen» (1991) und die «Fotobilder» des einheimischen Künstlers Alfons Iseli (1998).

Die Projektmacher
Uns motiviert vermehrt das Aussergewöhnliche», sagt Träff-Mitglied Markus Amrein. «Es war nie unser Ding, in einem Riesenzelt irgendeine bekannte Party-Band spielen zu lassen, hektoliterweise Bier zu verkaufen und fette Gewinne einzustreichen.» Mit dieser Haltung wird der Kulturverein Träff Schötz zum eigentlichen Projekt-Macher. Träff-Veranstaltungen sollen Kontrapunkte in der Szene sein. Versucht wird, neue Ideen oder ein Thema sichtbar und hörbar zu machen. Sei es durch ein ungewohntes Programm, speziell ausgewählte Auftrittsorte, passende Plakate, Dekorationen, Drinks und Speisen. Der engere Lebensraum – Leute, Häuser, Räume und Landschaft – wird stets in die Veranstaltungen einbezogen. «Wir verknüpfen an einem Anlass viele Ideen. Dadurch bekommen unsere Projekte ein Herz, eine Seele – eine spezielle Atmosphäre», sagt Edith Bühler-Hunkeler.
So spielen an der «Beizen-Tour 98» mit Linard Bardill, Marco Zappa, Polar, Tinu Heiniger usw. ein Dutzend Liedermacher aus allen vier Landesteilen am gleichen Abend in allen vier Schötzer Beizen. «Die andere Lesung» (1996) im und um das Museum Ronmühle macht Journalisten zu Geschichtenerzählern. Am «Gaukler-Träff» (1997) treten Strassenkünstler mitten im Baumgarten auf dem Buttenberg unter rund 2000 Jodlern und Bluesfans auf. «Volksfeste im ursprünglichen Sinn des Wortes sind gefragt. Die Generationen sollen wieder zusammenrücken», sagt Träff-Mitglied Markus Egli.
In der «lokalen Filmwoche» (2000) ist Träff Schötz mit einem mobilen Kino unterwegs. Sieben Streifen werden in sieben speziell ausgewählten Lokalitäten gezeigt. In der Strafanstalt läuft «Dead Man Walking», ein Film, der die Todesstrafe thematisiert. Beat Schlatter präsentiert im St.-Mauritius-Heim persönlich seinen Film «Komiker». Einzig die Vorführung von «Der Name der Rose» muss aufgrund pfarreiinternen Drucks trotz Abmachung kurzfristig von der Pfarrkirche in den Medienraum verlegt werden. «Sagenhafte Höhenfeuer» (2001) mit Hexenzauber, schrägen Tönen und Pyromanen werden auf den drei Hügeln Wellbrig, Hübeli und Meienrain entfacht. 2002 tischen fünf junge Pop-Literaten von der Schreibwerkstatt der Uni Hildesheim zusammen mit dem «Pinte»-Wirtepaar und mit dem Schauspieler Schang Meier als Kellner «Lektürbissen» auf.
2004 lädt Träff zu «Tierisch» ein, einem Freiluftprojekt mit vielen Tieren und wider den tierischen Ernst. Mit dabei an diesem Familienanlass bei der Ronmühle sind viele schräge Vögel aus der Kulturszene. Es wird einmal mehr ein Abend, der die Essenz der Träff-Aktivitäten treffend manifestiert: Einmaliger Open-Air-Ort, perfekte Infrastruktur, witzige Einfälle und eine entspannte Atmosphäre für Jung und Alt.

Die Liebeserklärung
«Die Leute vom Träff Schötz hatten schon immer das Besondere im Sinn, lange bevor solcher Exklusivitätsanspruch im kulturellen Milieu zur Mode wurde», schreibt der «Willisauer Bote» im Dezember 2001. «Langsam merken nun auch die öffentlichen Institutionen, dass Träff Schötz für eine Bereicherung des kulturellen Lebens bürgt, die längst nicht nur der Dorfbevölkerung von Schötz zugute kommt.» RegioHER, der Verband, dem 36 Gemeinden aus dem Hinterland, dem Entlebuch und dem Rottal angehören, zeichnet Träff Schötz mit seinem Kulturpreis aus. In der Begründung der Kulturkommission steht: «Mit der Verwirklichung von eigenen, im wörtlichen Sinn einmaligen Projekten für Jung und Alt setzt Träff Schötz auf der Luzerner Landschaft einen eigenen, ganz besonderen kulturellen Akzent, der weit über die engere Region hinaus Beachtung findet. Träff Schötz ist für das kulturelle Leben der ganzen Region von grosser Bedeutung.»
Keine vier Monate später, im April 2002, folgt die Liebeserklärung von Stadt und Kanton Luzern an den Träff Schötz. Anlässlich einer poetischen Liebesnacht verleihen sie dem Kulturverein den mit 15000 Franken dotierten Gastpreis der kantonalen Wettbewerbskommission. Kulturdirektor Paul Huber rühmt «das eigenständige Profil, das den Verein weit über die Region auszeichnet». Träff Schötz habe «die Herzen der Juroren erobert, ohne darum zu buhlen – allein durch seine Ausstrahlung».
Josef J. Zihlmann, Chefredaktor des «Willisauer Boten», streicht anlässlich des Gastpreises in einer mit «Liebeserklärung» betitelten Würdigung das «eigenständige Profil» des Programmes heraus. Dem Träff Schötz sei es immer wieder gelungen, ganz besondere, fantasievolle und innovative Ideen umzusetzen. Die Aktivitäten seien ein Musterbeispiel, das für all die Gruppierungen und Persönlichkeiten stehe, die sich in unseren Dörfern und Gemeinden im Kulturbereich engagierten.

Non-Profit-Organisation
Träff Schötz ist kein Kulturverein, der nach dem üblichen Schema sein Jahresprogramm zusammenstellt. Zwar hat man mittlerweilen zwei A4-Seiten lange Statuten, doch dienen sie zuallererst als nötige Grundlage, um sich bei Stiftungen und Förderungsinstitutionen obligat präsentieren zu können, und nicht als Unterlage für die Vereinsmeierei. Wiederkehrende Beiträge vom Kanton Luzern oder der Gemeinde Schötz wurden nie beantragt. Nicht zuletzt wurde in den Statuten verankert, was seit Anbeginn der Aktivitäten immer schon klar war: «Träff Schötz ist und bleibt eine Non-Profit-Organisation. Wird unser Verein aufgelöst, müssen sämtliche verbliebenen Gelder für kulturelle Zwecke investiert werden», wie Träff-Mitglied Markus Egli festhält. Mit andern Worten: Verdienen kann niemand der Beteiligten, auch dann nicht, wenn es mal zur «Erbteilung» kommen sollte.
Die Kulturfreaks können ab und zu auf die Hilfe von Gönnern oder Stiftungen zählen, die nicht mit möglichst fetten Lettern auf dem Plakat leuchten möchten, sondern bewusst Kultur unterstützen. Zu ihnen gehören die Luzerner Jugend-Stiftung oder pro juventute wiggertal. Unbezahlbar ist zudem der Goodwill der Gemeinde Schötz, zahlreicher Firmen und etlicher Helferinnen und Helfer sowie des treuen Stammpublikums.

Basisdemokratisch
Träff Schötz funktioniert nicht-kommerziell und basisdemokratisch. Die Veranstaltungen werden in gemeinsamer Arbeit ausgeheckt, geplant und realisiert. Alle, vom Elektriker über die Coiffeuse bis hin zum Landwirt, tragen mit ihrem Know-how und ihren Fähigkeiten zum besonderen Gout und zum Gelingen der Anlässe bei. 2004, 20 Jahre nach seiner Gründung, setzt sich Träff Schötz aus folgenden Mitgliedern zusammen: Markus Amrein, Karin und Daniel Aebischer-Furrer, Philipp Bammert, Andy Bieri, Helen Bieri, Pius Bösch, Christine und Martin Bossart-Bieri, Norbert Bossart, Stefan Bossart, Ruedi Bucher, Mathias Bühler, Edith Bühler-Hunkeler, Patricia Buob, Daniel Dekumbis, Markus Egli, Werner Frey, Hermann Furrer, Kathrin Greber, Hans Hafner, Urs Heller, Urs Kaufmann, Pius Kaufmann, Urs Meyer, Daniela Sager und Karin Willimann-Roth.
Viele, die aktiv mitmachen, sind seit zehn und mehr Jahren dabei. Bewusst wurde der Mitgliederbestand immer auf 25 Personen belassen, um Überschaubarkeit und eine grösstmögliche Flexibilität bei der Programmgestaltung zu bewahren. «Ein fixes Jahresprogramm würde uns zu stark einengen. Wir wollen nach Lust und Laune reagieren können», sagt Markus Amrein. «Wir machen nur vier bis fünf Anlässe pro Jahr, dafür wollen wir Qualität.»

Freiräume
Die Träff-Veranstaltungen kommen, wenn sie müssen, dafür richtig. Ungewöhnliches wird gewagt, Unmögliches versucht und immer wieder das Bestmögliche erreicht. Niemand verdient, trotzdem packen alle mit an. Es ist dieser Geist, den das Team herausfordert und letztlich garantiert, dass die Veranstaltungen jeweils diese ganz besondere Note tragen. «Dank unserer Arbeitsweise wird es auch möglich, kurzentschlossen ein Vorhaben fallen zu lassen oder zu verschieben», sagt Edith Bühler-Hunkeler. Die rollende Planung, verbunden mit viel Improvisation, erzeugt die nötige Spannung und gibt auch die Freiräume, ohne die eine Kulturarbeit schwer auskommt. Nicht zuletzt bleibt der Kick erhalten: Wenn nämlich nach langen Diskussionen eine neue Idee gereift ist und die Verwirklichung ansteht, geht ein mächtiger Adrenalinschub durch die Reihen und beginnen die Maschinerien wieder auf Hochtouren zu laufen: Für ein weiteres Projekt, das es einmal mehr nur einmal geben wird.

Autor:
Pirmin Bossart
Habsburgerstrasse 11
6003 Luzern

Mitarbeit Daten/Fakten:

Norbert Bossart
Wissenhusen 14
6247 Schötz